Amstermenschen
Sonntags auf der Fußgängerzone. Der richtige Amstermann kleidet sich im Schrabbel-Look. Eine luschige Jeans mit Beulen und Schrammen, die locker auf dem Gesäß hängt, auf dem Oberkörper ein hellgrünes, blaues oder rosa Hemd im Knitterlook, ein Kapuzensweatshirt in einem ausgewaschenen grauschwarz und darüber noch ein Kordsakko. Turnschuhe, ein dicker gehäkelter Schal, eine militärgrüne CheGuevara-Kappe und stylische Turnschuhe. Halblange Haare, nachlässig mit der Hand nach hinten geschoben, kleine Koteletten oder einen unrasierten Dreitagebart. Augenringe sind sexy. Und dann, die Zigarette im Mund, pfeifend auf dem Fahrrad vorbeiradeln, nicht ohne einen stolzen und interessierten Blick auf die Frauen zu werfen.
Die Amsterfrau kämpft mit H(aben) & M(ehrhaben). Devise 1: Alles geht. Jeansminirock auf rosa Strumpfhose mit Turnschuhen und 80er Jahre Ringelhemd. Weite, bauschige Indienröcke mit Cowboystiefeln und mindestens vier Lagen bunte Hemdchen – einen roten BH, ein grünes Spitzenunterhemd, ein lila T-Shirt mit Gigaausschnitt, darüber ein gelbes transparentes Blüschen mit rosa Rüschen. Devise 2: Schmuck wie ein Tannenbaum. Um die Handgelenke klingeln fünf bis sechs Armreifen, über dem gepiercten Nabel baumelt eine hellblaue Glaskette, um den Hals klebt ein Lederband mit falschem Gorillazahn sowie kleine Glasperlenketten, und von den Ohren baumeln riesige bunte Ohrringe. Devise 3: Die Haltung. Den Kopf nicht zu stolz erheben. Die schwarz geschminkten Augen unter einem Pony und Haaren mit Seitenscheitel verstecken. Und um den Hals ein gehäkeltes Blumenungetüm schlingen.
1 Comments:
Dein Blog Tagebuch habe ich mit höchstem Interesse gelesen. Super, mal kein Hollandbild mit rundem Käse, Grachten, Rembrandtschnulze, Tulpen, Schokostreußel.
Dein Blick auf die Welt dort ist in alle Winkel bis zum Waschsalon gerichtet, erzählt auch voll Mut von den Pannen des Nicht-Verstehens, den Einsamkeiten wegen des Nicht-Verstehens, dem praktischen Zurechtkommen in einer anderen privaten Lebenswelt (Bude). Bei allen Berichten schmunzelt das lächelnde Auge durch, keine scharfe Wertung, das Annehmen von anderen Vorstellungen und die Fähigkeit dort fertig zu werden. Tröstlich für den Leser, aber auch für den Fremden, weil er sich genüsslich in literarisch wirklich schöne Vergleiche, Bilder und Optiken hineingezogen fühlt. Man möchte der Schreiberin auf dem Fahrrad begegnen, um mit ihr dann zu lachen, zu plaudern und ernsthaft zu diskutieren.
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