Schrumpfen
Der Raum schrumpft. Eine Sprache zu lernen ist wie eine Kindheit im Zeitraffer durchleben. Erst suchen wir krampfhaft nach einem Halt, um uns aufzurichten und vom Boden zu erheben. Mit einem breiten Grinsen grapschen wir nach jedem Finger, der uns entgegengestreckt wird. Wir lallen ein paar Worte und freuen uns über jedes Lächeln – nicht ahnend, dass unser Gegenüber uns nicht verstanden hat.Wenig später torkeln wir unsicheren Schrittes vom Stuhl zum Tisch, vom Tisch wieder zurück zum Stuhl und weiter zum Sofa, auf das wir uns erschöpft fallenlassen. Die Augen sehen besser in die Ferne als unsere Füße uns tragen können, also bleiben wir auf dem Sofa sitzen und blicken dummdreist in die Runde. Glücklicherweise ist die Neugierde auf die nächste Tür größer als die Angst, deshalb eiern wir bald wieder zum Stuhl, zum Tisch und dann in den nächsten Raum. Dabei nehmen wir jeden Gegenstand in die Hand, benennen ihn in Gedanken und freuen uns, wenn wir das Gefühl haben, den richtigen Begriff dafür gefunden zu haben.
Inzwischen befinde ich mich in dem Stadium eines Kleinkindes, das Laufen gelernt hat. Ich kenne jeden Raum in der Wohnung und schaue mir Möbel und Bücher, Menschen und Gegenstände an. Ich kann auf Dinge deuten und sie benennen. Ich betrachte neugierig den Inhalt der Schubladen, die ich nun mit eigener Kraft aufstemme, und wühle in den Regalen herum. Ich formuliere Laute, auf die die Menschen mit einem vollständigen Satz reagieren. Und ich verstehe die Antwort.
Leider bin ich noch zu klein, um die schönen bunten Bücher zwei Regale höher greifen zu können. Um die Tür aufzuschließen, die in das Treppenhaus und auf die Straße führt. Und um die Gespräche der Erwachsenen zu verstehen. Zwar kann ich an den blinzelnden Augen und den roten Köpfen erkennen, dass es um Beziehungen oder Sex oder Tratsch geht – nur leider entgeht mir die Pointe.
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