hetboekje

"hetboekje" berichtet von einem zweimonatigen Stipendium bei der niederländischen Tageszeitung Trouw - nach einem knapp zweiwöchigen Sprachkurs.

maandag, maart 20, 2006

astronotes

Spät abends, wenn der kalte Wind über das Wasser hinter dem Hauptbahnhof fegt und die feuchte Luft in die Stadt trägt, dann gibt es eigentlich nur einen Ort in Amsterdam: Das Bimhuis. Der Jazzclub steckt wie ein schwarzer Riegel in einem größeren, würfelförmige Muziekhuis. Seine Front spiegelt das Wasser wieder, während die Fassade des Würfels glitzernd dem Wind trotzt. Von der Strasse blickt man hinauf zum schwebenden dunklen Block, in ein Fenster, aus dem grünblaurotgelbes Diskolicht dringt, und wenn die Musiker spielen, sieht man zuckende Rücken und seltsam verzerrte Gesichter.

Drinnen aber, wenn man auf einem der weichen roten Sessel Platz genommen hat, die in einem Halbkreis um die hölzerne Bühne aufgestellt wurden, bekommt das Bimhuis magische Kräfte. Das weiche, warme Licht zeichnet die feinen Gesichter wie Skulpturen und ermöglicht einen Blick auf jede Falte wie durch ein Vergrößerungsglas. Da quietscht und presst David Murray auf seinem Tenorsaxofon schräge Töne, dass die Ohren klingeln, während seine Begleiter sanft und easy grooven und ein zufriedenes Lächeln auf ihre dunklen Gesichter spiegeln.

Da prustet und improvisiert die Formation „the astronotes“ mit zehn höchst verschiedenen und verschrobenen Musiker, die ihre Tubas, Trompeten, Saxofone oder Percussioninstrumente gleichsam wie ein Küchenutensil, ein Spielzeug und ein Kultgegenstand bearbeiten. Teamleiter Joost Buis scharrt mit einer stereotypen Bewegung mit seinem Fuß über die Holzdielen, krümmt dann seinen ohnehin runden Rücken und beginnt mit einer bogenförmigen Bewegung, in seine Tuba zu pusten. Zwei oder drei weitere Bläser gurgeln bunte Musikhappen in die Luft, der Gitarrist schrubbt altsechzigermässig auf seinen Saiten herum, während hinter ein Percussionist mit den Fingernägeln über seine Trommel schabt, mit den Lippen schmatzende Geräusche auf dem Becken erzeugt oder mit seinem Stick über die Fensterscheiben des Raumes quietscht.

Und da steht Bennie Wallace in seinem feinen grauen Zwirn, einem frisch gebügelten weißen Hemd mit schimmernden Manschettenknöpfen, und er sagt, I just wanted to take a breath and say how much we appreciate this place. We loved to play in the old Bimhuis. But this new place is just magnificent. Dann schlägt sein Fuß in schwarzen Slippern leise den Takt, während er rotgesichtig in sein Saxofon bläst, so schnell, als müsse er den eigenen Tönen hinterher rennen, seine Hände beben auf den Tasten, als hätten sie Mühe, der rasenden Energie im Körper zu folgen. Dann gurrt er wieder eine sanfte Melodie in das Mundstück, während der Vibrafonist Steve Nelson durch seine riesige Brille glotzt und behende über die Tasten wirbelt, und sich der junge Bassist und der schwitzende Schlagzeuger mit Augenzwinkern, kleinen Gesten und Tönen ein heimliches Duell liefern.

Das Bimhuis vereint auf wunderbare Weise ein wohliges Wohnzimmergefühl mit eloquenter Musik, es gibt dem verschrobenen und mackenhaften Individuum seinen Raum zurück, es erobert das Ohr im Sturm und erfüllt den Körper. Es nimmt die Zuhörer liebevoll und vorsichtig an die Hand und führt sie in unbekannte Länder, es reißt sie aus dem Alltag und lässt sie zugleich ganz bei sich sein.

Und dann, wenn die Musik im Kopf zu einem Klangteppich verschmilzt, zieht die Musik uns wie ein Lichtstrahl durch das dunkle Fenster, hinaus auf die Brücke, über die langsam ein gelber Doppeldeckerzug und eine Straßenbahn rollen, zu den Fahrradfahrern, die mühsam durch das Brausen strampeln, zum grüngesichtigen walförmigen Nemo-Museum und den erleuchteten Fenstern in der Ferne, die mit den Sternen um die Wette funkeln. Und dann ist das Bimhuis ein ferner Planet in einem fremden Universum, und wir fliegen -

(Foto oben: Flickr, StewieDuwie)

1 Comments:

Anonymous Anoniem said...

SO ist die Musik mit allen Sinnen erfassbar. Was für ein poetischer Text! Was für ein Sprachbad.
Wunderbar.

donderdag, 23 maart, 2006  

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