hetboekje

"hetboekje" berichtet von einem zweimonatigen Stipendium bei der niederländischen Tageszeitung Trouw - nach einem knapp zweiwöchigen Sprachkurs.

donderdag, maart 23, 2006

Dazwischen


Hundemüde, durcheinander und doch völlig überdreht. Morgen ist mein letzter Tag in der Redaktion, und ich bin so nervös wie zu Beginn meiner Zeit in Amsterdam. Die Tage sind schneller vergangen als meine Gedanken ihnen haben folgen können.

Nun bemühe ich mich in den wenigen verbleibenden Stunden, die fransigen Fäden meiner hiesigen Anwesenheit zu sortieren, auseinanderzuzwirbeln und entweder zu kappen oder mit soliden Knoten zu versehen. Das bedeutet: Texte fertig schreiben und abschließen, etliche Ideen für Texte und Recherchethemen beerdigen oder notieren für ein ungewisses später, die Texte für die deutsche Redaktion bearbeiten, und in Gedanken schon meinen Abschlussbericht vorbereiten. Überlegen, was ich gerne noch mitnehmen möchte an Informationen aus der Redaktion, welche Internetseiten ich noch ansehen will, welche Links ich mir notieren muss.

Reflektieren. Plötzlich registrieren, dass der Fahrradweg, an den ich mich gerade gewöhnt hatte, nun schon fast Vergangenheit ist, und an mir selbst beobachten, wie sich dadurch die Wahrnehmung verändert. Wie ich mich bemühe, das kleine Fleischergeschäft im Chinesischen Viertel, in dem morgens eine weiße Katze im Fenster sitzt, in meine Erinnerung einzubrennen. Wie ich die Bilder der kalten und klaren Morgensonne aufsauge, die Luft, die gerade beginnt, nach Frühling zu duften, das Gekreische der Möwen. Gleichwohl fühle ich mich dabei, als würde ich mich bereits in Zeitlupe von der Wirklichkeit dieses hiesigen Lebens entfernen in einen sanften Dämmerzustand gleiten wie kurz vor dem Tiefschlaf.

Vorausschauen. Ebenso wie die Welt hier meinem sehnsüchtigen Griff nach Dauer entweicht, schieben sich vor mein inneres Auge schon die ersten Bilder und Situationen in der Münchner Heimat. Das schräge Licht, welches die Sonne auf meinen Schreibtisch in der Redaktion wirft. Die Holzskulpturen auf dem Regal, in die ich die neuen Kunstkataloge aus Amsterdam stellen will. Der spießige kleine Briefkasten zu meiner Wohnung, der mit einem runden Schlüssel aufgeschlossen werden muss, und nicht nur aus einer Klappe besteht, die ich hochheben kann. Mein Bett mein Wohnzimmer mein Schreibtisch.

Dazwischensein. Ein merkwürdiges Gefühl, ein wenig melancholisch, ein wenig unsicher, ein Ziehen in Kopf und Herz. Ich bin nicht mehr ganz hier und noch nicht wieder dort. Ich muss Abschied nehmen von den Menschen, denen ich hier begegnet bin, von denen ich bestenfalls einen flüchtigen Eindruck bekommen habe. Und ich muss an München denken und die Freunde dort, ich frage mich, wie es ihnen wohl geht, was sie mir erzählen werden, wenn wir im Biergarten sitzen oder an der Isar entlang spazieren.

Abschied nehmen ist deshalb so schwer, weil wir nicht wissen, was erhalten bleibt. Weil wir uns gewahr sind, dass unser Geist uns trügt und wir die Bilder, an die wir uns gerne erinnern möchten, vielleicht gar nicht erhalten können. Dass vielleicht ganz andere, unwichtigere oder hässlichere Bilder in unserem Kopf hängen bleiben könnten. Abschied ist schwer, weil es bedeutet, einen Schlussstrich ziehen zu müssen. Weil es eine Entscheidung ist, auch wenn sie unfreiwillig geschieht. Weil es kein Zurück gibt.