Felix und Henk
Ich fahre mit O. zu einer Diskussionsrunde im muslimischen Gemeindezentrum im Westen der Stadt. Fast 200 Menschen wollen mit Lokalpolitikern über Integration, Demokratie und Gemeindepolitik diskutieren. Am Eingang des großen Saales, der als Moschee genutzt wird und mit einem hellblauen Teppichboden ausgelegt ist, werden Namensschilder ausgeteilt, auf einem Tisch stehen türkischer Kaffee, Tee und Baklava. Zwei junge Männer schleppen ein riesiges Modell der neuen Moschee, die in unmittelbarer Nähe entstehen soll, heran, und stellen es auf einen Tisch, unweit des Stehtisches mit Mikrofon, an den sich Moderator Felix Rottenberg und der Lokalpolitiker Henk van Waveren stellen.Der rundgesichtige Moderator will das Publikum packen. Eloquent und selbstsicher steigt er in die Diskussion mit dem Lokalpolitiker ein. Er dirigiert, stellt fragen, unterbricht, ereifert sich. Interessiert Euch das auch, fragt er das Publikum und hebt dabei die Arme wie ein Zirkusdirektor. Wer sagt etwas dazu? Du da hinten? Steh auf, damit dich alle sehen können. Sag deinen Namen. Nein, ich will keine Geschichte hören, sag deine Meinung. Mach schnell, hopp! Ruft er und freut sich sichtlich darüber, die Menschen damit aus dem Konzept zu bringen.
Jetzt kommt der Moderator richtig in Fahrt, er piekst und stachelt und mäkelt an dem Politiker herum, der gutmütig und bereitwillig das Spiel mitspielt. Der PVDA-Stadtteilsvorsitzende Henk van Waveren zeigt sich gefühlig, sensibel und gewinnt mit dieser Art langsam das Publikum. „Ich war sehr rassistisch früher“, erzählt er, „aber ich habe mich verändert“. Anfang der 1990er Jahre habe er die Stadt als sehr entspannt erlebt, Menschen tolerant und offen. Der Tod von Fortuyn und van Gogh habe die Situation aber völlig verändert. Und nun, nach einem Schockzustand, bei dem die Wand zwischen den Menschen zum Vorschein gekommen sei, nun sei man endlich an dem Punkt, wo wieder diskutiert werde.
Auf den Zetteln, die auf den Stühlen liegen, stehen zwar noch andere Diskussionsteilnehmer, doch sie sitzen im Publikum und reagieren eigentlich nur, wenn der Moderator sie direkt anspricht. Ein allgemeines Podium gibt es nicht. Die Art und Weise, wie sich die Menschen vor den Mikrofonen, die ihnen vor den Mund gehalten werden, präsentieren und wie sie ihre Anliegen mitteilen, erinnert mich an eine christliche Erweckungsveranstaltung im Fernsehen – so nach dem Motto „Wir haben uns alle lieb, wir reden doch miteinander“. Und dann geht man aus dem Gebäude und ignoriert sich...Was ist der Unterschied zur Justizministerin Maria Verdonk, die deutliche Worte spricht, aber vor allem Demagogin ist? „Ich suche mehr das Gespräch. Ich bin pragmatischer, und ich lasse immer eine Hintertür offen. Und ich gebe Vertrauen“, sagt van Waveren. Ein Milli-Görus-Mann, der die ganze Zeit ruhig in der ersten Reihe saß und aufgrund seines rosa Hemdes und seines Nadelstreifenanzugs auffällt, bestätigt diese Haltung: „Wer Vertrauen öffentlich verkündet, muss das auch meinen. Sonst verliert er seine Glaubwürdigkeit“. Er selbst habe den Politikern immer wieder gesagt: „Schreibe auf, wovor du Angst hast und was du nicht möchtest, und ich garantiere dir, dass es nicht passiert.“
Plötzlich ertönt aus den Lautsprechern im Saal die eiernde Stimme eines Imams. Zeit für das Gebet. Die Menschen im Saal lachen, selbst der Milli-Görus-Mann schmunzelt und winkt dem Moderator zu, er solle ruhig weiter machen. Der Moderator redet weiter, merkt, dass ihm nicht mehr die volle Aufmerksamkeit zuteil ist, und bricht die Diskussion ab, sichtlich in seiner Eitelkeit getroffen. Es ist Zeit für eine Pause, sagt er und beendet die Runde.

Viel herausgekommen ist bei der Diskussion nicht: Wir müssen miteinander reden. Wir dürfen keine vorschnellen Urteile bilden. Wir müssen deutlich unsere Meinung sagen und die Meinung der Anderen respektieren. Ach nee. Und warum wird dann permanent über Toleranz, Demokratie, Integration diskutiert? Eine Klezmer-Musikband stellt sich vor das Mikrofon und spielt traurig-fröhliche Musik. Zeit für einen Tee.
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