Integration
Wir (die deutschen Journalisten) verbringen einen Tag in Den Haag. Nachdem wir durch die dicken Drehtüren des Außenministeriums gegangen sind, unsere Taschen durch den Scanner geschickt und die piepsende Tür überwunden haben, zücke ich meinen Fotoapparat, weil ich die Bunkeroptik der 80er Jahre festhalten will. Fotografieren verboten! weist mich ein Mann in Uniform an, ich müsse sofort das Bild löschen, aber er geht, ohne hinzuschauen.Wir werden von der Pressedame, die uns routiniert-freundlich begleitet, mit Besucherausweisen ausgestattet und in einen der zahlreichen düsteren und Konferenzräume mit künstlichen Strahlern geführt. Es gibt Kaffe und Tee, dann werden uns Mitarbeiter des Ministeriums vorgestellt. Es spricht der Marketingchef mit blauem Anzug und Gel im Haar, ein älterer Herr mit rotem Gesicht und zitternden, nervös über den Aktendeckel fahrenden Händen, ein Mann mittleren Alters mit kariertem Hemd und tropfenförmiger Brille, und eine große burschikose Frau.
Wir werden gefragt, was wir für Eindrücke von Holland haben und erzählen von den Veränderungen, die unseres Erachtens in den letzten Jahren stattgefunden haben. Das offene und tolerante Land ist verschwunden. Die Türen, die einst weit offen standen, wurden abrupt und brutal geschlossen, unter anderem mit dem Einbürgerungstest. Und für die Integration der Ausländer, die hier schon viele Jahre leben, wird nicht genug getan, meinen wir.
Nein, nein, so kann man das nicht sehen, beschwichtigen die Politiker. „Sicherlich denken manche Menschen in den Niederlande, dass das Boot voll ist. Aber das ist auch verständlich, schließlich gibt es eine höhere Bevölkerungsdichte, und der Ausländeranteil ist sehr hoch. Aber der Einwanderungstest ist doch nichts weiter als eine extreme Form von Integration und Immigration...“
Manche Kritik ist berechtigt, sagt die resolute Frau. „Wir sind schlecht darin, Arbeit zu schaffen für Minderheiten. Und wir sind schlecht im Schulwesen, viel zu viele Jugendliche Ausländer verlassen die Schule ohne Abschluss und haben eine schlechte Ausbildung. Durch diese Benachteiligung empfinden sich viele Ausländer als Außenseiter.“
Der Mann im Karohemd erklärt die derzeitige Situation mit der historischen Entwicklung des Landes. Es sei Tradition, dass sich Minderheiten emanzipieren. So habe auch das System der Versäulung in der Gesellschaft funktioniert. Nun aber merke die Gesellschaft, dass diese Art von Emanzipation bei den Ausländern nicht funktioniere und unbefriedigend sei. „Wir müssen lernen, wie wir sagen, was wir wollen, ohne dabei intolerant zu werden. Kritik zu äußern und trotz allem Integration zu fördern“.
Wir werden in den nächsten Konferenzraum mit festlich gedecktem Tisch, freundliche kleine Ober huschen mit Wein und Saft herbei. Die Pressedame und unsere Organisatorin hecken eine Tischordnung aus, wer sitzt neben dem Hausherrn, wer neben unserem Cheforganisator, es tröpfeln noch weitere Beamte durch die kleine Tür und schütteln jedem die Hand.
Beim Drei-Gänge-Menü wird Konversation geführt, der Hausherr betont, wie toll das Austausch-Programm ist und merkt an, dass dies ein prima einfacher Weg der Imageverbesserung sei. Unser Organisator pflichtet diesem natürlich bei, derweil wir unseren Missmut über diese Äußerung schnell mit einer Kartoffelkrokette nach unten stopfen.
Nach dem Essen steht die Zweite Kammer auf dem Programm, eine Stunde Diskussion mit einem Pim-Fortuyn-Parteimitglied. Ist das ein schwieriges Erbe, für diese Partei zu arbeiten, frage ich. Nein, nein, meint die Dame, doch dann spricht sie fast eine halbe Stunde nur über den Politiker, was er getan und gesagt und gefunden und gemeint hat. Pim habe Probleme gut umschrieben, er sei endlich ein Politiker und Publizist gewesen, der nicht political correct gewesen sei, sondern ehrlich und offen gesagt habe, was er denke. Dies sei der Verdienst des Politikers. Allerdings, so räumt sie ein, müsse das Parteiprogramm nun überdacht werden, es müsse geprüft werden, wohin die Reise geht. „Wir wollen aber hart, deutlich und sehr ehrlich bleiben“, meint die Frau. Was ihr persönlich Probleme bereitet? Die Zweifel an ihrer Integrität, weil sie in dieser Partei arbeitet. Die meisten würden nur Fragen stellen wollen und seien gar nicht an einer Antwort interessiert. Aber viele „erleben mich dann doch als ganz nette Frau“.
Noch eine Stunde, wir werden durch das Gebäude geführt, im Aktenzimmer werde ich ermahnt, Sie, das Fotografieren in diesem Raum ist verboten, aber der Aufseher hat genau gesehen, wie ich mein Fotoapparat herausgeholt habe und mich erst nach meinem ersten Foto ermahnt, aber das Spiel kenne ich ja jetzt schon, ich schalte den Apparat aus und freue mich über mein Souvenir. Der Blick in den Konferenzraum ist ernüchternd, in dem Saal sitzen einsame vier Politiker und diskutieren über ein Thema, das offensichtlich mindestens auf Rang 20 steht. Wir verabschieden uns von unserem Begleiter und treten durch die Drehtür in die feuchte Kälte.
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