hetboekje

"hetboekje" berichtet von einem zweimonatigen Stipendium bei der niederländischen Tageszeitung Trouw - nach einem knapp zweiwöchigen Sprachkurs.

donderdag, maart 09, 2006

Konfetti


Die Stadt schrumpft. Gleichzeitig wird mein Bild des Landes facettenreicher. Die Eindrücke kleben auf meiner inneren Leinwand wie bunte Ölfarben, mal bilden sie einen homogenen, glatten Film, dann erhebt sich wieder ein grüner oder ein blauer Farbton und bildet eine Miniaturlandschaft. Es gibt bunt gesprenkelte Flächen und graubraune Leinwände.

Bunter geworden ist natürlich die Esskultur. Ich habe mich durch sämtliche Flan-Varianten gefressen und die dicke, zähe Schokoladenmasse zu meinem persönlichen Lieblingsnachtisch gekürt. Ich habe Gabeln in feinen Fisch gesteckt und mit Stäbchen in chinesischen Reistöpfen gestochert, edel bis bizarre vietnamesische, indonesische und tibetanische Gerichte gekostet. Mit Genuss mampfe ich dicke, fettige flämische Pommes mit Erdnuss-Sauce oder Bolletjes. Und natürlich gab es dazu Biertjes oder Wein.

Grauer wird die Erscheinung der Menschen. Die rosa Ringelstrumpfhose zu den Cowboystiefeln mit Jeansrock erstaunt mich nicht mehr. Stattdessen beobachte ich, wie ich langsam die Etikette des Stylings durchschaue und damit die gesellschaftlichen Facetten deutlicher werden. Denn natürlich gibt es auch hier Zeichen für Macht, für ein bestimmtes Alter, für eine bestimmte soziale Schicht.

Bunt gesprenkelt ist die Art und Weise wie die Menschen miteinander umgehen. Ich treffe eine Bekannte, die seit über zehn Jahren in Amsterdam wohnt. Sie findet die Niederländer einerseits sehr offen gegenüber anderen Menschen, hilfreich und unbürokratisch. Andererseits lassen sie aber auch niemand so richtig an sich ran, es dauert Jahre, bis man einen Niederländer als Freund gewinnen kann. Ein wenig kann ich das nachempfinden: Von meinen Arbeitskollegen weiß ich mehr als von den meisten meiner Kollegen in Deutschland. Und trotzdem gibt es so etwas wie eine unsichtbare Grenze, die deutlich zwischen Arbeits- und Privatleben unterscheidet.

Bunte Einsprengsel sind die vielen Männer, die so selbstverständlich Zeit mit ihren Kindern verbringen. Ein Mann mit einem Kinderwagen und einem weiteren Kind an der Hand gehört hier zum Alltag. Und die Art und Weise, wie Väter und Kinder miteinander sprechen macht deutlich, wie vertraut sie sich sind. Grund dafür ist wohl die Tatsache, dass hier viele Menschen nur Teilzeit arbeiten. Farbenfrohe Flecken auf meiner Leinwand hinterlassen auch die Frauen, die selbst mit Kleidergröße 46 Miniröcke tragen oder mit Ende 50 in jugendlich-frechen Hosen und Röcken durch die Stadt laufen.

Konfetti auf dem Gemälde sind und bleiben natürlich die Geschichten des Alltags - mit meinen ersten unbeholfenen Versuchen, in der Redaktion nun ausschließlich Niederländisch zu sprechen. Ein Kollege schaut zu, wie O. einen Text von mir übersetzt und sagt grinsend, ich solle nicht diesem nicht mein ganzes Zutrauen schenken. Ich will erwidern, dass ich ihm ohnehin blind vertrauen muss, und sage „Ik moet hem trouwen“. Der Kollege und O. grinsen breit und verkneifen sich ein Lachen. „Naja, heiraten musst du ihn nicht gleich. VER-trauen würde schon reichen“, erklärt der Kollege. Ich: Konfettirot.