schwiederländern 2

Ja, ich weiß. Ich habe viele Dinge nicht erzählt, die mir hier widerfahren. Aber es ist ganz einfach so: Den ersten Monat habe ich damit verbracht, mich überhaupt zurechtzufinden. Und jetzt, wo das Leben und die Arbeit hier spannend werden, muss ich mich schon wieder verabschieden. Von der täglichen Fahrt mit meinem Fahrrad zur Arbeit, durch das verschlafene Chinatown, in dem abends die Männer noch etwas essen, bevor sie in das Rotlichtviertel spazieren. Von meinem wechselnden Arbeitsplatz mit Blick auf diesen riesigen Raum mit den vielen vielen Menschen, die alle wie kleine Ameisen an ihren Texten schreiben oder recherchieren oder Mails verstuuren. Von den eruptiven Ausführungen von O., wenn er mit einem Kollegen scherzt oder mit einem unliebsamen Trouw-Leser diskutiert. Von den anderen Kollegen aus dem Ressort, die dann und wann von ihrem voll gepackten Tisch aufblicken, um „gaan wij even eten?“ zu fragen oder sich einen Kaffee oder Tee holen.
Schwimmen, ja, ich schwimme. Was das bedeutet? Ich fahre gestern nach Leiden, um ein Interview mit dem Chef von Exodus zu machen, einer Einrichtung, die ehemaligen Strafgefangenen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft hilft. Ich öffne die Glastür des 60er-Jahre Gebäudes und werde von einer jungen Frau empfangen, weiter hinten begrüßt mich einer Mann im Anzug, er würgt sich gerade noch ein labbriges Sandwich in den Mund, dann kommt er auf mich zu, quasselt mich voll und ich verstehe nichts. Der Unterschied: Jetzt erzähle ich radebrechend-selbstbewusst auf Niederländisch, dass ich nicht gut Niederländisch spreche, aber viel verstehe. Und: Dat klopt. Dann führt mich der freundliche Herr in sein Zimmer, bietet mit einen typischen Filterkaffee mit Milchpulver an, und ich stelle meine Fragen in Niederdeutsch-Kauderwelsch. Es funktioniert, er antwortet ausschließlich Niederländisch, und ich schreibe mit, Deutschniederdisch. Als ich aus dem Interview komme, wird mir beinahe schwarz vor Augen vor Anstrengung, aber es hat funktioniert!
Ok. Es gibt auch weniger schöne Dinge. Die feuchte Eiseskälte, die täglich durch die Mäntel und Hosen und Handschuhe und Fensterritzen kriecht. Die voll gestopften Züge, wenn man als Pendler oder wie ich als Sprachschülerin abends um halb sechs Richtung Hilversum fährt. Den ununterbrochenen Lärmpegel, der auch am Sonntag nicht
Tja, und nun soll ich mich verabschieden. Ich kann die Tage zählen. Es sind noch genau zwölf. Ich finde, man sollte erst von einem Stipendium gehen dürfen, wenn man die Sprache so spricht, dass man sie auch noch in einem Jahr wird sprechen können. Ich bleibe einfach noch einen Monat hier, ja?
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