hetboekje

"hetboekje" berichtet von einem zweimonatigen Stipendium bei der niederländischen Tageszeitung Trouw - nach einem knapp zweiwöchigen Sprachkurs.

zondag, maart 26, 2006

Von Löwen und anderen Tieren


Mein letzter Tag in der Redaktion. Es ist fünf Uhr nachmittags. Die Luft in den Redaktionsräumen zischt und girrt, fast hat man Mühe, durch den Raum zu laufen, so stark ist die Spannung in der Luft. Wenig später erscheint der hoch aufgewachsene Chefredakteur, leger gekleidet mit Hemd und Baumwollhose, sein Gesicht gezeichnet von vielen langen Nächten und harter Arbeit, aber auch von Lebensfreude und Humor. Er stellt sich in die Mitte des Raumes, eine Hand in der Tasche, die andere auf einem Papier mit einigen Notizen. Die sparsamen Bewegungen, der dunkle Blick, die ruhige Art signalisieren das überlegene, sichere, aber auch wachsame Gebaren eines routinierten Alphatiers. Kaum stellt er sich in die Mitte des Redaktionsraums, scharen sich die Kollegen um ihn herum, und es herrscht eine fast gespenstische Ruhe.

In wenigen Sätzen erklärt der Chef mit seiner sonoren, souveränen Stimme die Lage der Zeitung: Die Anzeigenerlöse sind gesunken, die Zeitung macht defizit, es muss drastisch gespart werden. Ohne Umschweife nennt er genaue Zahlen. Soundsoviele Millionen müssen gespart werden, das bedeutet soundsoviele Arbeitsplätze und soundsoviele Stellen. Es gibt einen Sozialplan, wir hoffen, dass wir die entsprechenden Kündigungen mit dem Anreiz vermeiden können, aber wenn das nicht klappt, sind Kündigungen unvermeidlich. Wir werden am Montag ein paar allgemeine Informationen zur Situation in der Zeitung veröffentlichen, aber die Zahlen sind vertraulich.

Die Redakteure, die auf den Tischen sitzen oder im Gang stehen, sind ruhig und gefasst, aber die Luft ist unerträglich gespannt, selbst die Telefone, die sonst ununterbrochen klingeln, geben Ruhe, als ob sie spürten, was sich gerade in den Redaktionsräumen abspielt. „Die Zeitung soll auf ein solides Standbein gestellt werden, es muss daher so viel gespart werden, dass wir auch dann noch einen Spielraum haben, wenn die Anzeigenerlöse weiter sinken. Unser oberstes Ziel ist es, die Qualität zu halten. Wir werden unser Profil weiter ausbauen müssen. Verschiedene Modelle dafür haben wir in den letzten Monaten schon diskutiert und mit euch besprochen“, führt der Chefredakteur fort. Dann klingelt sein Handy mit einem kindlichen Gedudel, alle lachen, aber das Lachen ist angespannt und nervös, während er souverän und unbekümmert das Display studiert und den Anruf unterdrückt.

Ob es Fragen gibt, fragt der Chefredakteur. Erst nach einem längeren Schweigen kommen einzelne Detailfragen, wie ist das genau mit dem Sozialplan, und hat man diese und jene Möglichkeit schon geprüft, gibt es nicht eine andere Lösung, nein, erwidert der Chefredakteur wieder, wir haben alles geprüft, jetzt sind wir eben an diesem Punkt, wir halten Euch auf dem Laufenden. Dann nennt er weitere Zahlen, um seine Argument zu untermauern, beugt er sich kaum merklich nach hinten, wo unauffällig eine Kollegin steht und die Zahlen bestätigt. Er antwortet, als ob es nichts Leichteres gäbe, doch spürt man, dass jedes Wort mit Bedacht gewählt wird, dass es ihm ernst ist und ihm die Kollegen ein Anliegen sind.

So, ich glaube das genügt, sagt der Chefredakteur, und die knisternde Luft im Raum entweicht, als ob ein riesiger Staubsauger darüber hinweggefegt wäre. Übrig bleibt eine konfuse Stimmung. Es ist Borrelzeit, der Wein wird geöffnet, die Snacks, aber heute wird nicht gelacht, es wird diskutiert, die Kollegen werden angerufen und über die neueste Entwicklung informiert, die Gesichter sind nachdenklich und still.

Später kommt der Chefredakteur noch in unsere Ecke, um in dem dortigen Zeitungsarchiv ein paar Exemplare zu holen. Er schüttelt mir die Hand, hallo, ich bin X, wir haben uns noch nicht kennen gelernt. Ich bin Journalistin aus Deutschland, stelle ich mich vor, heute ist mein letzter Tag, oh, das tut mir leid, habe ich nicht mitbekommen, ich hoffe du hattest eine gute Zeit, sagt er, und ich sage, doch, ich habe viel gelernt, auch von der Situation eben, wir hatten bei uns vor kurzem eine ähnliche Situation. Er fragt nach Einzelheiten. Dann schüttelt er sich ein wenig und blickt in den großen Raum wie ein Löwe, der sein Rudel betrachtet, und sagt: „ Die große Gefahr die ich sehe, ist die Angst, die jetzt unter den Kollegen entstehen kann. Das ist nicht gut. Unser Team ist in Gefahr.“

Er nimmt noch ein paar Zeitungen in die Hand, und zum ersten Mal schwingt ein bitterer Ton in seiner Stimme, als er sagt: „Und ausgerechnet ich soll morgen einen Vortrag halten über den Erfolg von Zeitungen im Tabloid-Format.“ Dann grinst er, seine dunklen Augen flackern kurz zynisch, während er sich abwendet und aus dem Raum verschwindet, ebenso unauffällig, wie er gekommen ist.

1 Comments:

Anonymous Anoniem said...

you were so right!

maandag, 10 april, 2006  

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