hetboekje

"hetboekje" berichtet von einem zweimonatigen Stipendium bei der niederländischen Tageszeitung Trouw - nach einem knapp zweiwöchigen Sprachkurs.

maandag, april 03, 2006

Auf Flut folgt Ebbe

„... und jetzt fühle ich mich, als sei ich nie in Amsterdam gewesen“, sagt meine deutsche Kollegin, als wir am letzten gemeinsamen Abend in einem Berliner Weinlokal sitzen. Und ich kann ihr nur beipflichten und noch einen Schluck Wein trinken, während ich versuche, mir die Gesichter der Kollegen gut einzuprägen, ihre typische Gesten, die Art, wie sie Lachen oder mit dem Messer ein stück Käse abschneiden und sich auf das Brot schmieren, ihren Sprachduktus, den Blick.

Die Sprache ist ein Meer: Sie kommt über uns wie eine Flut, und sie verlässt uns wie die Ebbe.
Es fing schon im Zug nach Berlin an: Vor mir saß ein deutsches Paar, das offensichtlich ein Wochenende in Amsterdam verbracht hatte und nun die Erlebnisse Revue passieren ließ. Und neben und hinter mir saßen drei Frauen, die ein paar Tage nach Berlin fahren wollten und nun darüber sprachen, was sie alles Ansehen möchten. Und mein Gehör, bislang völlig darauf geeicht, die Niederländische Sprache zu verstehen, spielte verrückt, reflexartig zog es mich mal in die vertraute Muttersprache, dann sprangen meine Ohren zurück zu den Stimmen der Frauen, um zu lauschen und sich daran zu laben, dass sie nun beinahe jedes Wort verstehen und begreifen.

Im Laufe der Zugfahrt schwand das Niederländisch zusehends, die deutschen Reisenden bildeten einen Klangteppich, dem das Gehör nicht widerstehen konnte, aber es war schmerzhaft, weil die Sätze an das Trommelfell klapperten und schlugen, ohne reguliert zu werden, ich fühlte mich wie unter Sprachbeschuss, und wieder einmal knallten die Billardkugeln auf meiner inneren Sprachtafel aneinander, um gleich darauf bunt auseinanderzurollen oder mit einen lauten Klack in einem Loch zu verschwinden.

In Berlin war das Billardspiel entschieden: Nun gab es nur noch dunkle deutsche Kugeln in meinem Kopf, und als meine niederländischen Kollegen mal ein paar Sätze sprachen, sah ich die bunten niederländischen Kugeln in der Ferne rollen, traumwandlerisch sicher, aber gedämpft durch den Teppich meines Verstands.

Sprache lernen ist so etwas Schönes, aber auch so traurig. Schön, weil es immer ein ‚richtig’ und ‚falsch’ gibt, weil wir den Lernprozess leicht und intensiv verfolgen können, weil wir die Schwellen, über die wir gehen müssen, nicht nur erkennen, sondern auch bewusst überwinden können. Traurig ist allerdings, wie schnell wir die Sprache auch wieder verlernen. Wir können zusehen, wie sich die Sprache zurückzieht, wie ein Meer bei Flut sehen wir die Strömung, mit der die Worte auf die offene See hinaustreiben, und während wir mit den Füssen noch im Wörterbad stehen, spüren wir die Strömung, mit der die Begriffe auf die See hinaustreiben, mit der sie uns aufs offene Meer hinausziehen, und dann erkennen wir die Gefahr, können aber die Strömung nicht aufhalten, sondern sehen dem Naturschauspiel zu und beobachten fasziniert, wie eine Schaumkrone der Erinnerung der Anderen folgt.

Das Sediment dieser Sprache bleibt unter unseren Füssen liegen. Und gelegentlich, wenn wir am Strand der Sprache wieder spazieren gehen, heben wir sehnsüchtig einzelne Sätze vom Boden auf, drehen und wenden sie in unserer Hand und erfreuen uns an ihrem Klang und ihrer Bedeutung. „Ik hou van jou“. „False vriende“. „Versrikkelig“. „Jammer“.