Integration
Ein Junge erschießt einen anderen Jungen. Um nicht selbst zu sterben. Seine Kumpels fahren weg, während er vor der Leiche sitzen bleibt und zuschaut, wie ein Fuchs sich nähert, die Witterung aufnimmt und wieder verschwindet. Das Kino in Berlin Neukölln, in dem der Film „Knallhart“ gezeigt hat, ist voll, aber als der Abspann läuft, gehen die Menschen still aus dem Saal.Heute ist einer der letzten Tage des Stipendiumprogramms, die wir deutschen und niederländischen Journalisten gemeinsam in Berlin verbringen. Wir wollen mit Politikern, Bürgermeistern und einer Schulleiterin sprechen über das Thema Integration. In den Zeitungen überschlagen sich die Meldungen. Terror in einer Neuköllner Schule. Die Lehrer schreiben einen Brandbrief. Aktueller könnte unser Thema gerade nicht sein.
„Ach, der Film. Die Einen finden ihn viel zu sacht. Die Anderen sagen, er sei noch nicht drastisch genug“, sagt der Neuköllner Bezirksbürgermeister Buschkowski. „Willkommen in Berlins Gruselkiez. Nicht dass ich diesen Bezirk so genannt hätte, das hat eine Zeitung geschrieben“, eröffnet der Bürgermeister die Diskussion mit den Journalisten. Er zeigt auf einen Stapel mit Zeitungsartikeln. Sie sind alle von heute, und haben alle das gleiche Thema: Den Brandbrief der Lehrer von der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln.
„Ich habe noch die Schminke im Gesicht, seit heute morgen bin ich hier in Aktion, Sie können sich vorstellen, was hier los ist, aber ich will mir die Zeit nehmen mit Ihnen“, sagt Buschkowski und streicht sich über seine rosa Krawatte. Er wolle so lange krähen und sich beschweren, bis sich etwas ändere, meint er und beginnt genüsslich, die Schreckenszahlen aus seinem Bezirk aufzuzählen und mit deftigen Geschichten auszuschmücken. Die Rütli-Hauptschule sei die unterste Schulstufen, dort seien Schüler, die zuvor ausselektiert wurden. „Es gibt keinen Sanktionskatalog mehr, mit dem Sie an diese Schüler herankommen“, meint Buschkowski.
„Ich brauche keine Integrationspolitik für die Bildungfamilie aus der Mittelschicht von Istanbul. Was ich brauche, ist ein Programm für die Familien aus den untersten Schichten, die nach Berlin kommen, deren Kinder hier aufwachsen“, sagt Buschkowski. Vierzig Jahre habe die politische Rechte geglaubt, dass die Gastarbeiter wieder gehen, die politische Linke habe verkündet, hurra, jetzt habe man endlich ein buntes Multikulti. Tatsächlich sei es aber zu einer ethnischen Clusterbildung in den Bezirken gekommen. in seinem Bezirk leben 300 Tausend Einwohner, davon rund 100.000 Menschen mit Migrantenhintergrund. „In meinem Bezirk verlassen 70 Prozent der Schüler ohne Abschluss die Schule, und 30 Prozent werden kriminell“, so Buschkowski. Das Problem sei vor allem die Bildungspolitik, denn die sei nicht Sache der Länder. Der Bürgermeister wirkt, als habe er Spaß daran, die Situation dramatisch und schwierig darzustellen. Er erzählt von den Schülern, mit denen er gesprochen habe, ihrer Wut auf die Presse, „die haben so lange provoziert, bis die Schüler endlich mit Steinen werfen“.
„Wir können hier fast nichts unternehmen“, sagt Buschkowski, und dann zählt er auf, welche Projekte der Bezirk gestartet hat. Zwischen zwei Schulen habe er die Strasse gesperrt und als Spielstrasse eingerichtet, damit die Jugendlichen einen Ort haben, an dem sie sich austoben können. Dann habe er rund 30 Stadtteilmütter ausgebildet. Für 150 Euro besuchen sie zehn Mal Familien, und bringen ihnen deutsche Kultur näher. Dieses Modell soll nun auf 250 Mütter ausgeweitet werden. Weiterhin wurde ein Jugendrechtshaus gegründet. „Dort spielen wir mit den Jugendlichen ein bisschen Barbara Salisch – allerdings mit echten Polizisten, Richtern und Beamten“, sagt Buschkowski. Jugendliche erzählen von einer typischen Straftat, dann wird ein Rollenspiel gemacht. Mit diesem Projekt sei die Kriminalität in dem Viertel um 20 Prozent gesunken. Schließlich sorge er dafür, die Ausbildungsplätze in der Verwaltung mit jungen Menschen aus Migrantenfamilien zu besetzen. „Weil die Qualifikationen dafür nicht stimmten, haben wir ein Trainingsprogramm gestartet. Ein halbes Jahr lang bekommen die Jugendlichen in 20 Stunden pro Woche gezeigt, wie sie sich bewerben können auf unsere Stelle“. Und noch etwas hat der Bürgermeister gemacht: Eine Einbürgerungsveranstaltung in Neukölln. Für 64 Personen. Damit die Einbürgerung etwas Feierliches wird und einen anderen Stellenwert bekommt. Und wie finanziert er die ganzen Projekte? Eine kreative Buchführung und viele Hilfsprogramme. Eine Fachkraft in der Verwaltung ist einzig und alleine damit beschäftigt, Gelder zu akquirieren.
Wir fahren in eine Grundschule. Die Tür zum Lehrerzimmer muss aufgeschlossen werden. Auf den Tischen im Lehrerzimmer steht selbst gebackener Apfelkuchen. „Der ist gut, den müssen Sie essen, wir werden hier sonst immer dicker“, sagt Frau Busse und nimmt sich selbst gleich ein Stück. Frau Busse von der Schule ist seit 14 Jahren in dieser Schule. „Wir haben eine große Schule mit viel Platz und vielen Lehrern, wir sind gut ausgestattet“, sagt sie. Seit 28 Jahren ist die Schule eine Ganztagsschule, 50 Lehrer und 40 Erzieher unterrichten hier rund 555 Schüler. Als sie anfing, kamen 23 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien. Heute sind es 76,5 Prozent. Tendenz steigend. „Die Abstimmung für die Schulen wird in Berlin längst mit dem Möbelwagen gemacht“, sagt Busse. Sobald die Kinder im Schulalter sind, ziehen die Familien weg. „Die Eltern aus Migrantenfamilien sind sehr ehrgeizig, sie wählen sehr genau, wohin sie ihre Kinder auf die Schule schicken wollen“, sagt Busse.
Neben den Migranten gibt es noch ein weiteres Problem: „Unsere Schule wird indoktriniert von der islamischen Föderation“, sagt Busse. Früher sei der Islam eine Religion wie jede andere gewesen. Heute habe sie zumeist ein Propagandamittel. „Für die Föderationsleute sind wir doch der letzte Dreck. Ich will aber als Frau nicht laut einer Werteordnung unter einem Tier stehen“, erregt sich Busse. Neulich sei eine Familie zur Anmeldung gekommen, und der Mann habe sich geweigert, ihr die Hand zu geben. „So etwas wäre früher nie passiert. Und wir können nichts dagegen unternehmen, weil wir nicht über die Religionslehrer bestimmen können“, sagt Busse.
Wie man die Situation verbessern könnte? Die Lehrer für Islamunterricht sollten einem Kontrollgremium unterliegen, die Ausbildung professionalisiert werden. Und: „Deutschland muss die Zuheiratung verbieten. Denn mit den jungen türkischen oder arabischen Frauen, die nach Deutschland kommen, haben wir immer wieder eine erste Generation von Migranten. Da verändert sich nichts.“
In der stillen Genezarethkirche steht Pfarrerin Kruse. Sie spricht leise, mit weichen Bewegungen zeigt sie auf den Altar aus Glas, vor den sie sich gestellt hat. „Entschuldigen Sie die Bauarbeiten, unser interkulturelles Zentrum soll erst im Mai eröffnet werden“, erklärt sie und weist auf einen Flyer in ihrer Hand. Die Genezareth-Kirche ist die dritte Kirche in Berlin, die ein solch neues Nutzungskonzept erprobt – auch um die kargen Finanzen aufzubessern. In der Gemeinde leben 5000 Evangelische, am Sonntag kommen 30 Gottesdienstbesucher in die Kirche, an Projekten arbeiten rund 100 Haupt- und Ehrenamtliche. An die Kirche wurden zwei Riegel gebaut, die nun für neue Zwecke genutzt werden sollen. „Moment, damit ich es genau formuliere, lese ich mal vor, was sich die Gemeinde gedacht hat“, sagt die Pfarrerin und zieht einen Zettel aus der Hosentasche. „Das interkulturelle Zentrum ist ein Projekt der Gemeinde. Mit dem Cafe und den verschiedenen Veranstaltungsräumen wollen wir zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen, Anlässe für Begegnung mit anderen Religionen schaffen und ein Ort sein für Inspiration und Spiritualität“, liest sie vor.
Dann führt sie uns in das Cafe mit kleiner Bühne und Gemälden an der Wand. Ganz überzeugt klingt sie selbst noch nicht, als sie von den möglichen „Nutzungsinteressen“ an Cafe und Veranstaltungsräumen spricht. Denn die Gruppen und Menschen, die sich melden, haben zwar großes Interesse, aber auch kein Geld.
Was haben Cafe und Veranstaltungsräume mit dem christlichen Glauben zu tun? Die Pfarrerin blinzelt kurz, und erklärt dann umständlich, es gehe ja auch um Öffnung, um ein gegenseitiges Interesse. So habe kürzlich die evangelische Schule zu essen gekocht, während Mitglieder der Moschee in das Cafe gekommen seien zur Diskussion. „Allerdings müssen wir als Christen auch eine Abgrenzung schaffen. Wir müssen deutlich Position beziehen und auch die Grenzen aufweisen. Aber das kann ich doch erst tun, wenn ich die andere Seite kennen lerne, wenn ich mit den Menschen spreche. Und ich muss mir in diesem Gespräch deutlich werden, wo die Unterschiede sind zwischen Kultur, Religion und sozialem Raum“, sagt die Pfarrerin. Das sei auch der Grund, warum sie sich nun auch an einer islamisch-christlichen Gesprächsrunde beteiligen wolle.
Die letzte Station: Ein Gespräch mit der SPD-Politikerin und MdB Lale Akgün. Sie wirkt, als habe sie die Diskussion um Integration schon seit langem satt. „Ich bekomme täglich hunderte von Mails, und, ach, es ist doch so, dass die ernsthaften Probleme gar nicht mehr diskutiert werden, statt dessen regen sich die Menschen auf über die Einbürgerungs-DVD aus den Niederlanden mit einer barbusigen Dame und einem sich küssenden homosexuellen Paar“, sagt Akgün und schüttelt resigniert den Kopf. Nein, sie wolle jetzt nicht den Anschein erwecken, sie sehe durchaus auch ernsthafte Probleme, sagt sie dann und schwenkt um in einen dozierenden Politikerton. Aaaalso erstenszweitensdrittens und dann müssen wir auch noch bedenken dass....
„Ursache für die Probleme ist doch eine seit Jahren verfehlte Bildungspolitik. Die soziale Herkunft ist entscheidend, es wird zu früh aussortiert an den Schulen, in Deutschland gibt es ein einzigartiges, elitäres System, wir müssen wieder zu mehr Chancengleichheit und Partizipation kommen“, sagt die Politikerin bestimmt. Verbesserungsvorschläge gäbe es genug. Eine verbindliche Vorschule für Kinder ab vier Jahre. Ganztagsschulen. Eine umlagefinanzierte Ausbildung für Jugendliche. Dann blickt sie auf ihr Handy, „ich habe noch einen Termin, ach wissen sie, ich muss jetzt gehen, aber so schlimm ist die Situation doch auch nicht, Probleme mit der Integration gab es doch schon vor 30 Jahren“, sagt sie und verschwindet.
Integration verhält sich wie ein Gummiband: Je näher das Gummiband ist, wenn es schnalzt, desto schmerzhafter und direkter berührt es. Je weiter weg die Menschen sind, die das Gummiband halten, desto weniger können sie damit umgehen. Desto weniger zielsicher sind sie.
0 Comments:
Een reactie plaatsen
<< Home